Die Gräber der Revolutionsopfer

Als 1918 die Novemberrevolution ausbrach und das Kaiserreich endete, war die Einheit der SPD schon längst nicht mehr erhalten. Seit 1917 sammelten sich in der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) die Gegner der seit 1914 von den Mehrheitssozialisten getragenen Burgfriedenspolitik. Der prominenteste Kriegsgegner war von Beginn an Karl Liebknecht, Wilhelm Liebknechts zweitältester Sohn.

 

Ende Dezember 1918 gründeten Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und andere radikale Linke die Kommunistische Partei Deutschlands. Die KPD forderte eine sozialistische Räterepublik und lehnte die Wahlen zur Nationalversammlung ab.

 

Im Verlauf revolutionärer Erhebungen in Berlin zu Beginn des Jahres 1919 wurden am 15. Januar Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verschleppt und ermordet. Den Leichnam Rosa Luxemburgs fand man erst Monate später. Die Täter kamen aus dem Kreis jener Truppen, die vom Rat der Volksbeauftragten um Friedrich Ebert (SPD) nach Berlin beordert wurden, um die politischen Unruhen niederzuschlagen und die Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 zu sichern.

 

Nach dem Willen von USPD und KPD sollte Liebknecht zusammen mit 31 weiteren Opfern der Januarkämpfe auf dem Friedhof der Märzgefallenen der Revolution von 1848 im Friedrichshain beigesetzt werden. Diese Ehrung verweigerte der Berliner Magistrat und verwies auf den Friedhof in Friedrichsfelde. Die Friedhofsverwaltung teilte das in der hintersten Ecke des Friedhofes gelegene Grabfeld 64 zu.

Beisetzung von Karl Liebknecht und weiteren 31 Revolutionsopfern am 25. Januar 1919 in einem Massengrab. Für Rosa Luxemburg wurde ein leerer Sarg in die Grube gelassen. Unter anderen hielten Paul Levi für die KPD, Louise Zietz (ganz links im Bild) und Rudolf Breitscheid für die USPD Ansprachen. Bildarchiv SAPMO-BArch Bild Y1-198/92

Am 25. Januar 1919 wurden unter großer Anteilnahme die 32 Toten beigesetzt. Nachdem im Juni Rosa Luxemburgs Leiche im Landwehrkanal gefunden worden war, konnte man auch sie am 13. Juni 1919 in Friedrichsfelde bestatten. In den folgenden Monaten und Jahren wurden an diesem Ort weitere Opfer politischer Auseinandersetzungen beerdigt. Es waren sowohl unbekannte Arbeiterinnen und Arbeiter wie auch Prominente der linkssozialistischen Bewegung, z.B. Rosa Luxemburgs Lebensgefährte Leo Jogiches, ermordet im Moabiter Kriminalgericht, und der populäre Führer Berliner Elektrizitätsarbeiter, Wilhelm Sült.

 

Die Trennung zwischen den Gräbern der Sozialdemokraten auf dem „Feldherrnhügel" am Eingang der Begräbnisstätte und den Gräbern der Kommunisten am entgegengesetzten Ende des Friedhofs spiegelte die tiefe Spaltung der Arbeiterbewegung wider.

Trauernde Menge und Kranzspenden bei der Beisetzung Rosa Luxemburgs am 13. Juni 1919. Es sprachen Clara Zetkin (KPD), Adolph Hoffmann (USPD), Louise Zietz (USPD) und andere. Bildarchiv SAPMO-BArch Y10-16680

Das Revolutionsdenkmal

Die politische Diskriminierung ihrer Toten und deren Beisetzung im hinteren Friedhofswinkel beantwortete die KPD mit dem Plan, dort ein Denkmal zu errichten. Bereits zum fünften Jahrestag der Beerdigung Rosa Luxemburgs wurde der Grundstein gelegt, obwohl erst ein Jahr später auf dem Parteitag im Juli 1925 Wilhelm Pieck, die treibende Kraft des Vorhabens, einen ersten, recht konventionellen Denkmalsentwurf vorstellte. Auf Vermittlung des Kulturhistorikers und KPD-Mitglieds Eduard Fuchs machte der junge Architekt Ludwig Mies van der Rohe einen modernen Gegenentwurf, der schließlich ausgeführt wurde. Am 13. Juni 1926 enthüllte Pieck das Denkmal in kleinerem Kreise, da gleichzeitig zu Demonstrationen für die Fürstenenteignung aufgerufen worden war. Die offizielle Einweihung, verbunden mit einer großen Kundgebung, fand am 11. Juli statt.

Wilhelm Pieck spricht bei der Enthüllung des Revolutionsdenkmals am 13. Juni 1926. Bildarchiv SAPMO-BArch Bild Y1-11305

Es war mutig von der KPD-Führung, sich für das moderne Denkmal zu entscheiden. Es blieb ein umstrittenes Kunstwerk. Von den einen als fortschrittliches Gegenstück zu traditionalistisch-bürgerlichen Monumenten gefeiert, konnten oft gerade Arbeiter mit seiner unkonventionellen Form wenig anfangen. Dennoch nahmen sie an den Trauerfeiern, jährlichen Gedenkkundgebungen und Kranzniederlegungen an den Gräbern der Revolutionsopfer teil und akzeptierten das Werk als Ehrenmal kommunistischer Kämpfer.

Besucher am Revolutionsdenkmal am 6. März 1927. Das Denkmal von Ludwig Mies van der Rohe (1886-1969) war ein Kubus aus dunkel gebrannten Klinkern, gebildet aus verschiedenen gegeneinander versetzten Quadern mit einer Fahnenstange und einem Sowjetstern. Die Inschrift „Ich war. Ich bin. Ich werde sein", eine auf die Revolution von 1848 bezogene Zeile von Ferdinand Freiligrath (1810-1876), hatte Rosa Luxemburg in ihrem letzten Artikel zitiert. Sie ist hier in veränderter Reihenfolge provisorisch angebracht. Bildarchiv SAPMO-BArch Bild Y1-29/89

Am 10. Februar 1933, wenige Tage nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler, wurden hier drei von Nazis ermordete junge Arbeiter bestattet. Zum ersten und zum letzten Mal sprachen Sozialdemokraten und Kommunisten am Grab vor dem Revolutionsdenkmal. Kurz darauf entfernten die Nationalsozialisten Stern und Fahnenstange, im Januar 1935 wurde es ganz abgetragen. Aber auch danach, wie bereits 1934, ließ die Gestapo den Bereich scharf beobachten und jeden verhaften, der Blumen niederlegen wollte. Dennoch rief die illegale KPD immer wieder dazu auf. Die Gräber selber ließen die Nationalsozialisten 1941 einebnen und zur Neubelegung freigeben.

Den 1933 von dem Revolutionsdenkmal abmontierten Stern stellten die Nationalsozialisten als Trophäe in einem „Revolutions-Museum" aus. Lichtenberger Anzeiger und Tageblatt 1935. Landesarchiv Berlin


Im Januar 1946 wurde die Tradition der Demonstrationen nach Friedrichsfelde wieder aufgenommen und anstelle des zerstörten Denkmals eine provisorische Nachbildung errichtet. 1967 erwog die Berliner SED, auf dem Fundament des Denkmals einen Gedenkstein aufzustellen, aber erst 1983 entstand dort das heute vorhandene Erinnerungsmal des Architekten Günter Stahn und des Bildhauers Gerhard Thieme.



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